Diese Reiter kamen in ihrem bürgerlichen Festanzug, mit Frack und Zylinder, woraus sich die bis heute gültige Kleidung der Blutreiter entwickelte, die noch durch eine Schärpe ergänzt wird. Die typischen Blutreiterstandarten mit dem Querarm stammen ebenfalls aus dieser Zeit. Seit dem Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es innerhalb der Prozession keine Rangordnung. Weingarten und der Heilig-Blut-Reiter reiten etwa in der Mitte und alle anderen Orte treten alphabetisch an, wobei jedes Jahr der Anfangsbuchstabe wechselt. Beeindruckend ist die Treue der Blutreiter, feiern doch nicht wenige ihr 60-jähriges Jubiläum. Anlass war und ist die Heiligblutreliquie, die seit 900 Jahren in Weingarten verwahrt wird. 1094 vermachte sie Judith von Flandern, die Gemahlin Welfs IV., dem Kloster, in dem sie auch beerdigt liegt. Nach gläubigem Verständnis enthält die Reliquie einen mit Erde vermischten Blutstropfen Jesu Christi. Dieser Blutstropfen soll von einem römischen Legionär aufgefangen worden sein, der später als der Heilige Longinus bekannt wurde. Mit Longinus war die Reliquie nach Mantua gekommen, wo der Weingartner Teil abgetrennt wurde. Seit 1998 belebt die Städtepartnerschaft Weingarten-Mantua diese historische Verbindung, weshalb eine Delegation aus Mantua inzwischen auch am Blutritt teilnimmt. Weil das Heilige Blut der Legende nach am Freitag nach Christi Himmelfahrt übergeben wurde, gilt dieser Tag seither als „Blutfreitag“ mit seinem „Blutritt“. So lange das Kloster Weingarten bestand, war der„Heilig-Blut-Reiter“ immer ein Mönch. Aber das muss nicht sein. Von der Säkularisation bis zur Neugründung 1922 trugen Pfarrer die Reliquie und seit der Schließung des Klosters von 2010 ist das wieder der Fall.
Die Weingartner Reliquie selbst ist klein, ein 35 Millimeter langes und zwei Millimeter breites Stäbchen. Auch andere Orte, wie etwa die Reichenau, besitzen eine Heilig-Blut-Reliquie, absolut einmalig aber ist das Weingartner Gefäß, das „Reliquar“. 800 Jahre lang hat es seine Grundform über alle Neufassungen hinweg bewahrt. Für die Zeitgenossen war seine Form im weltlichen und kirchlichen Sinn von höchstem Rang. Sie verweist nämlich auf die Kaiserkrone des „Heiligen Römischen Reiches“, die in der Vorstellung des Mittelalters eine weltliche Reliquie war, weshalb sich ihre Form geradezu anbot, um die höchste aller christlichen Reliquien zu ummanteln. Als das Gefäß Anfang des 13. Jahrhunderts entstand, war die Krone nah. Sie wurde damals auf der Waldburg verwahrt, wo sie die Mönche aus dem Kloster Weissenau bewachten und verehrten. Das Reliquar besteht eigentlich aus zwei Teilen: Einem hufeisenförmigen Bergkristall mit der Reliquie im Zentrum und einem goldenen, mit Edelsteinen besetzten Doppelkreuz als Rahmen. Das derzeitige Reliquiar wurde 1956 angefertigt. Beim Blutritt wird es durch eine Kette mit drei Ringen an der Hand des Heilig-Blut- Reiters gesichert. Moderne Menschen tun sich schwer mit dem Glauben an die Echtheit der Reliquie. Historisch gesichert aber ist ihre lebensrettende Wirkung: Als im 16. Jahrhundert beispielsweise in Ravensburg die Hexen brannten, gab es im Umfeld von Weingarten keine Prozesse. Dort vertraute man auf den Schutz und Segen des Heiligen Blutes.





