Von Putten und brenntem Mus – die Zeit des Barock ist bis heute allgegenwärtig in der oberschwäbischen Kurstadt Bad Waldsee. Dass diese Epoche weit mehr war als nur eine Stilrichtung in der Kunst, weiß Michael Barczyk. Der Stadtarchivar erzählt gerne über eine Zeit, in der die Kunst üppig und farbenfroh daherkam. „Barockes Lebensgefühl spiegelt sich bis heute in zahlreichen Bauten. Damals manifestierte es sich aber auch in den Speisen – zumindest an Fest- und Feiertagen“, weiß der Historiker. Er studierte neben der Geschichte der Stadt auch die Speisezettel des Heilig-Geist-Spitals in der Ortsmitte und der umliegenden Klöster. Er schaute in die Kochtöpfe von Bauern, Mönchen und Adligen.
In einer Landschaft, die bis heute geziert ist von Zwiebeltürmen und Bildstöcken, von Weihern und Wäldern, wurden damals neben dem täglichen schwarzen und brennten Mus oder Suppen, Gerichte wie Buabaspitzla, Nonnenfürzla und Bauraseckla an den sogenannten „Hochfesten“ aufgetischt. Statt Most kam reichlich Bier auf den Tisch, sodass bis heute die Bierbrauer das Sagen haben. In den Restaurants der Stadt tischt man Genießern gerne barocke Gaumenfreuden auf. Dazu gibt’s dann auch einen guten Meersburger Tropfen.
Malerisch liegt es zwischen zwei Naturseen, direkt auf der Oberschwäbischen Barockstraße, das knapp 20.000 Einwohner zählende Städtchen Bad Waldsee. Auf dem Marktplatz thront schön und stattlich das Rathaus von 1426. Auf der Spitze reckt eine goldglänzende Justitia die Waage in die Höhe. Im Rahmen einer Stadtführung gelangen Interessierte auch ins Innere, in die Räume des Stadtoberhauptes. Ein eiserner Ring zeugt davon, dass einst die Angeklagten in Ketten vorgeführt wurden. Das Museum im Kornhaus, in dem früher das so wertvolle Hauptnahrungsmittel gelagert wurde, veranschaulicht eindrucksvoll die Geschichte der Stadt. Dazu Ausstellungen von
lokalen Künstlern.
Neu ist das Erwin Hymer Museum, eine Dauerausstellung, die die Welt des mobilen Reisens zeigt. Von Dethleffs Wohnauto aus dem Jahr 1931 über Hymers Ur-Troll der 50er Jahre bis hin zum modernen Reisemobil sind über 80 Originale zu sehen und zu erleben – faszinierend in Szene gesetzt vor touristischen Zielen: von der Ostsee bis zur Adria, von Indien bis Amerika. Die Reise beginnt auf der Alpenstraße gen Süden mit einem Caravan von Dethleffs aus dem Jahr 1931, zeigt den Bully vor indischer Kulisse und führt weiter an den Pazifik oder an die Ostsee. Acht sogenannte Sehnsuchtsorte erzählen über die jeweilige Zeit. Unterwegs vermitteln Technikstationen Wissenswertes über den Bau und den Motor der Fahrzeuge. Man kann sich an den Traumorten fotografieren lassen und die Fotos später via Touchscreen anschauen oder auch als Postkarte mit „Grüßen aus Bad Waldsee“ mitnehmen. Trotz Bühnen für Künstler und Kulturhighlights im „Haus am Stadtsee“ geht es hier beschaulich zu. Gassen und stille Ecken mit Traditionsgasthäusern locken zum Flanieren und Bummeln. Vorbei mit der Ruhe und Beschaulichkeit ist es jedes Jahr zur Fasnetzeit: Zur „fünften Jahreszeit“ zeigt die Stadt nicht nur einm besonderes Gesicht, sondern gleich fünf: „Schrättele“, „Federle“, „Narro“, „Faselhannes“ und „Schorrenweible“ in ihren originären, aus Holz geschnitzten Masken begegnen den Gästen bei der Waldseer Fasnet auf Schritt und Tritt. Vom „Schrättelestanz“ bis zum Fasnetsvergraben dauert die wildeste Zeit in Bad Waldsee. Seit dem 15. Jahrhundert gehört zu der schwäbisch-alemannisch geprägten Stadt das närrische Treiben. Die Hexe „Schrättele“ beispielsweise leitet ihren Namen vom „Schratt“ ab – einem Dämon und Plagegeist. „Mi hot heut Nacht s‘Schrättele druckt“ heißt es bis heute nach schlaflosen Stunden.


