Vor der ungelösten Aufgabe und mit ebensolchem Ticket stehe ich hinter einer Schranke der London Liverpool Street Station und vor der Frage nach einem Durchkommen. Ich, die Allgäuerin, die mal wieder dachte, sich mit
Schirm, Charme und land läufiger Blauäugigkeit nicht nur den eigenen Beschränkungen widersetzen zu können. Noch scheint über mir die Sonne. Den obligatorischen Schirm brauche ich fürs Erste nicht. Nach größerem Aufwand und unter Einsatz des Zweitgenannten ist die Sache endlich gelöst – und ich raus. Out of Allgäu. Downtown London. Exactly zur Rushhour ziehe ich also los, zu einem, der auszog, das Anziehen zu lernen. Das Fürchten lernen soll ich bereits kurze Zeit später. Und so frage ich nicht nur auf entgegenkommende Weise den ein oder anderen, sondern bald mich selbst, wo ich hier eigentlich hingeraten bin. Mir scheint, mitten in eine Schießerei. Selbst die Sonne hat sich verzogen, und um mich geschart und im Rampenlicht steht circa ein Dutzend Männer, „Bobbies“ genannt, deren Name ungleich heiterere Assoziationen weckt als der vor mir ablaufende Film. Lost in Space im Londoner East End werde ich der Brisanz wegen zurück geschickt in den Westen. Nichts Neues will ich vorerst kennenlernen. Mir reicht’s. Und so rufe ich verzweifelt bei Markus Lupfer im Studio an. Er sei „glei do“ und ich quasi in front of the door. Vertraute Töne und alles halb so wild! Mit seinem verschmitzten Lächeln empfängt er mich vor seinem Atelier. Unsere Begrüßung ist so herzlich wie gewohnt, dem unüblichen Smalltalk geben wir gar nicht erst die Chance, ins Stottern zu geraten. Wir knüpfen dort an, wo wir vor ein paar Wochen den Faden verloren haben, spinnen die angefangenen Geschichten weiter. Über Gott und die heile Welt unserer gemeinsamen Kindheit und Jugend in Kißlegg im Allgäu; über Höhen und Tiefen, über die vielen verrückten Ideen und was wir nicht alles verändern wollten.
Kaum verändert hat sich Markus Lupfer. Ganz im Gegensatz zur Modewelt, die er längst durch seine Visionen entscheidend beeinflusst. Gemeinsam retrospektieren wir über Berge wie Songs, die (wir) damals rauf und runter gelaufen sind, und die – als ob es der Zufall will – in einem BBC-Eighties-Flashback seit Tagen das britische Radioprogramm bestimmen. „Time Of My Life“ ... Zeit meines Lebens in Oberschwaben. Seines irgendwo zwischen Lissabon und London, Asien und Allgäu ... Langsam wird es gemütlich. Gemütlichkeit ist so ein typisch deutsches Wort, lässt sich in keine andere Sprache übersetzen. „Heimat“ ebenso. Sein Elternhaus in Kißlegg ist zuverlässige Anlaufstelle, um nicht nur unsere langjährige Freundschaft zu pflegen, sondern auch den ein oder anderen Allgäuer Brauch, wie zum Beispiel zu Weihnachten das „Christbaum-Loben“. Vor dem fensterlosen Londoner Loft breitet sich bereits eine schleierhafte Dämmerung aus, und auf einer suggestiven Sichtachse schweift unser gedanken - verlorener Blick durch das imagi näre Lupfer’sche Wohnzimmer hinaus auf die verschneiten Hügel des Allgäus. Die verinnerlichten Bilder des frühen Sommers erinnern an gelb-grüne Wiesen und sind von dieser Warte aus – und mit Abstand – die schönsten, wenngleich deren Potenzial noch unter dem Schnee schlummert. Schon die Vorstellung von Myriaden von Grottenblumen ist zum Dahinschmelzen; ein Übriges tut der Gedanke an den heimeligen Kachelofen. Zu fortgerückter Stunde sind wir allein in dieser nur scheinbar chaotischen Kreativ-Manufaktur. Seine Mädels haben sich längst ins Londoner Nightlife verabschiedet. Dabei habe ich schon wieder vergessen, dass es sich um seine Angestellten handelt und er hier der Chef ist. Man kauft's ihm kaum ab, wartet stets darauf, dass sein Manager um die Ecke tritt … Der lässt lange auf sich warten. Derweil sorgt Markus Lupfer selbst dafür, dass ihm alles abgekauft wird! 70 Prozent meist schon nach Erscheinen der aktuel-len Kollektion. Er ist nicht nur Künstler und Mode-Designer. Ebenso ist er sein eigener Manager, ein gewiefter Geschäftsmann, Betriebswirt, Versicherungskaufmann, Anlageberater, ein echter „Schaffer“ eben. Er weiß, wovon er spricht, er weiß immer, was er tut und weshalb. Er ist sich bewusst, was ihn in diesem toughen Business hält und was ihm dabei Flügel verleiht. Sein Ziel hat er zu keinem Zeitpunkt aus den Augen verloren und seine Träume sind längst flügge geworden. Jetzt sind sie gelebte Realität. Weitaus mehr als ein Sommermärchen in den Achtzigern und im Vergleich zum damaligen Easy Livin heute harte Arbeit. Aber immer noch spürt man diese überbordende Begeisterung und diesen Enthusiasmus für sein ganzes Wirken und Schöpfen.
Mehr über Markus Lupfer finden Sie im neuen Oberschwaben Magazin.


